aus der lokalen Berichterstattung ...

Spannung mit Kripochef

Bei der Spurensuche von Andreas Dickel aus Bochum mussten einige der 70 Besucher sogar stehen. Der Leitende Polizist verstand es, sein Publikum einzubeziehen und dabei humorvoll zu bleiben.
aus Rheinische Post vom 13.11.2012 von Patrick Jansen

2012-11-13-ADickelAndreas Dickel, Leiter der Kriminalpolizei Bochum, erläuterte im Fabry-Museum, wie Ermittler nach dem Entdecken eines Verbrechens vorgehen. RP-Foto: Anja TinterWie Mitglieder einer Mordkommission fühlten sich die Besucher des Wilhelm-Fabry-Museums beim Vortrag von Andreas Dickel. „Es bringt nichts, wenn ich viel erzähle. Ich möchte, dass Sie alle mitmachen", kündigte der Leiter der Bochumer Kriminalpolizei an. Denn in eineinhalb Stunden führte Dickel im Fassraum in die Grundlagen der Arbeit eines Kriminalpolizisten ein. Zunächst einmal klärte der Ermittler über Basisbegriffe auf. „Was ist ein Verdacht?", fragte Dickel. Nach vielen Vorschlägen aus dem Publikum machte der Polizeichef den Begriff schließlich mit einem einfachen Beispiel deutlich: „Ein Teller geht normalerweise kaputt, wenn er auf den Boden fällt. Wenn nicht, habe ich den Verdacht, dass er aus Plastik ist." Lachen im Publikum.

Als nächstes gab der Leitende Polizeibeamte seinen „Schülern" sieben W?s mit auf den Weg, die bei einer ungeklärten Todesursache beantwortet werden wollen: Was ist passiert? Wer ist der Täter? Wer oder was ist das Opfer? Wo ist der Tatort? Wie ist etwas passiert? Und warum ist etwas passiert? „Jemand liegt tot auf den Gleisen. Ist das der Tatort?", fragte Dickel sein Publikum. „Jemand könnte ihn da hingetragen haben", vermutete ein Zuschauer.

Um das herauszubekommen, müssen Ermittler Beweise und Spuren sichern, erklärte Dickel. „Es geht darum, zu wissen, dass jemand eine Tat begangen hat, obwohl er nicht sagt, dass er es war. Ich habe kein Problem damit, jemanden einzusperren. Ich will nur sichergehen, dass ich den Richtigen eingesperrt habe", erläuterte der Kriminalist den Unterschied zwischen Verdacht und Beweis. Als Beweis könne man Zeugen, Urkunden, Sachverständige, den Augenschein, einen Eid oder ein Geständnis verwenden.

Als Dickel ein erstes Bild mit Blutflecken und einer Axt auf der Leinwand zeigte, machten die Zuhörer fleißig mit. „Da ist Blut am Boden", sagte ein Zuschauer. „Woher wissen Sie das?", fragte Dickel. „Erst einmal ist es eine unbekannte rote Flüssigkeit", wandte der Polizist ein. Auf dem Laminatboden ist eine Axtspur zu sehen. „Entweder durfte der Mörder üben oder es gab einen Kampf", so ein weiterer Zuhörer.

Nach einigen Übungsfällen - wie dem doppelten Suizid eines älteren Ehepaars im Sauerland, einer Schießerei in der Silvesternacht in Bochum-Wattenscheid, bei denen die Ermittler damals nach Schmauchspuren suchten, und einem Maler, der sich mit einem Messer selbst tötete - wurden die Ermittlungen für die Zuschauer immer schwieriger.

„Wir werden zu all jenen Fällen gerufen, bei denen der Notarzt in seinem Bericht ,Ursache ungeklärt? ankreuzt", berichtete Andreas Dickel. Schließlich gab der Fall eines toten Jungen im Herner Stadtpark Rätsel auf. Er lag neben einer Bank. Neben ihm eine Waffe, zwei Pizzakartons, ein entnommenes Magazin. Er trug eine kurze Hose und hat eine Schussverletzung im Kopf. Viele Vermutungen schwirrten durch den Raum: „Es war eine Mutprobe", glaubte jemand. „Mit einer Pistole russisches Roulette ist eine ganz schlechte Idee", warf Dickel ein. Nur wenig Blut war zu sehen, daher gab es Zweifel, ob der Park nicht nur Ablage-, sonder auch Tatort war. „Der Zweifler ist sehr wichtig in jeder Einheit. Der, der sich nicht zufrieden gibt", sagte Dickel aus Erfahrung.

Am Ende klärte er seine Zuhörer auf. Der 18-jährige Litauer habe sich wohl selbst erschossen. Nachdem er das Magazin entnommen hatte und seinem Freund vorführen wollte, dass seine neue Pistole nun ungefährlich sei, vergaß er die verbliebene Patrone im Lauf der Waffe. Ganz aufgeklärt wurde der Fall nie.

Die Besucher des Vortrags, von denen sich viele aktiv einbrachten und unter denen auch viele junge Zuschauer waren, waren begeistert und kamen auf den Geschmack. „Ich will so etwas später auf jeden Fall auch mal machen", sagte Karla Marek. Die 16-Jährige hat den Berufswunsch Polizistin. „Ich habe vieles dazugelernt", freute sie sich.

Auch Lucas Thieme geht in seinem Berufswunsch bestärkt aus dem Vortrag. „Es war sehr animierend, interaktiv - und das Publikum war gut eingebunden", fand der Schüler des Bonhoeffer-Gymnasiums, der später einmal Rechtsmediziner werden möchte. Seine Biologielehrerin hatte den Schüler auf den Vortrag aufmerksam gemacht.

Wolfgang Antweiler gefiel die Veranstaltung ebenfalls. „Der hohe Zulauf bestätigt uns darin, dass wir die richtigen Themen aufgreifen", sagte der Leiter des Wilhelm-Fabry-Museums.