von Clemens Reinders

Wilhelm Fabry
größter deutscher Wundarzt seiner Zeit


Clemens Reinders: "Der Mann, der Manhattan kaufte" ... und andere Geschichten vom Niederrhein.

Auszug aus dem im Duisburger Mercator-Verlag erschienenden Buch. 144 Seiten mit vielen Farbfotos, Format DIN 21 x 26 cm gebunden, ISBN 3-87463-286-5

Wundärzte und Bader-Chirurgen waren im ausgehenden Mittelalter keine wissenschaftlich gebildeten Leute, die ein Universitätsstudium absolviert hatten, sondern in den besseren Fällen geschickte Handwerker. Als reine Praktiker behandelten sie vor allem äußere Wunden und Hautkrankheiten, während die innere Medizin den studierten Ärzten vorbehalten blieb. Bader und Barbiere widmeten sich der Körperpflege, aber auch der wundärztlichen Versorgung ihrer Patienten; viele von ihnen zogen als wandernde Heiler von Ort zu Ort. Dabei galten manche dieser Heilkünstler, die der gutgläubigen Landbevölkerung zusätzlich mit allerlei Tränklein und Pülverchen das Geld aus der Tasche zogen, zu Recht als Kurpfuscher und Scharlatane. Je mehr sich aber die Ausbildung der Chirurgen verbesserte, desto größer wurde die Kluft zwischen ihnen und den Barbieren, die neben der Körper- und Bartpflege auch weiterhin zur Ader ließen, schröpften und Abszesse entfernten. Aus der Welt dieser handwerklich geschulten Heiler kam der junge Fabry, um den Kontakt mit den medizinischen Wissenschaften zu suchen.

Im Dorfe Hilden wurde Wilhelm Fabry 1560 als Sohn des Gerichtsschreibers Peter Drees geboren. Seinen Namen hatte der junge Wilhelm später nach der Gewohnheit der Gelehrten seiner Zeit latinisiert und nannte sich nun Guilhelmus Fabricius. Der Nachname Fabricius ist wahrscheinlich die Übersetzung der Berufsbezeichnung Schmied, denn Fabry wuchs im Hause der ehemaligen Dorfschmiede auf. Hilden war damals ein Dorf mit etwa 500 - 600 Einwohnern, die zum Teil auf weit verstreut liegenden Höfen wohnten. Die Bevölkerung bestand vornehmlich aus Ackerbauern, "die sich um Angelegenheiten der Wissenschaft oder des geistigen Lebens" 1) herzlich wenig kümmerten. Aus diesem Milieu, das dem jungen Wilhelm Fabry sicherlich wenig Anregung zur Pflege geistiger Interessen bot, schickte ihn der Vater hinaus auf ein Kölner Gymnasium, wo er sich eine gute Bildungsgrundlage erwerben sollte. Mit 13 Jahren mußte Fabry seine Gymnasialausbildung abbrechen, jedoch erfuhr er Förderung durch den Düsseldorfer Hofpoeten Carl Utenhoven, der die Begabung des Jungen erkannte. Auch der Traum von einem Studium zerschlug sich, und so trat Fabry 16-jährig in die Lehre zu einem tüchtigen Wundarzt in Neuss. Doch sein Lerneifer spornte ihn zu weiteren Studien an. 1579 übersiedelte der junge Badergeselle nach Düsseldorf, um seine Kenntnisse als Schüler des angesehenen Hofchirurgen Cosmas Slot zu verfeinern. Von Slot, der ein Schüler des großen Anatomen Andreas Vesalius gewesen war, übernahm Fabry die Überzeugung, daß Kenntnisse über den inneren Aufbau des menschlichen Körpers Grundlage aller chirurgischen Eingriffe sein sollten. Außerdem erfuhr Fabry über Slot auch Anregungen durch die universitär gebildeten Düsseldorfer Hofärzte Dr. Johannes Weyer und Dr. Reiner Solenander. Bei allen Patientenbesuchen begleitete Fabry seinen Lehrer Slot und behielt das Gelernte in so guter Erinnerung, daß er in seinen späteren medizinischen Abhandlungen auf dessen Methoden verweisen konnte. Nach dem Tode seines Lehrers im Jahre 1585 begab er sich auf Wanderschaft und zog in die französische Schweiz, wo im Waadtland eine Reihe hervorragender Ärzte praktizierte.

In Genf wurde er zum letzten Mal Schüler und assistierte dem bedeutenden Chirurgen Jean Griffon. Hier lernte er auch Maria Colinet kennen, die Tochter eines Buchdruckers, die er 1587 heiratete. Von Genf aus übersiedelte das junge Paar nach Lausanne, wo Fabry im Kontakt mit bedeutenden Ärzten seine Kunst vervollkommnete.

Als er zwei Jahre später in seine Heimat zurückkehrte, praktizierte er zunächst als ländlicher Wundarzt in Hilden und siedelte 1593 nach Köln über. Der nun dreiunddreißigjährige Wundarzt Fabry hatte sich bereits einen solch guten Ruf erworben, daß er überall im Lande als Medicus gefragt war. Um 1602 kehrte er in die Schweiz zurück und ließ sich zuerst in Lausanne, dann in Payerne (Peterlingen) nieder, wo er eine Anstellung als amtlicher Stadtchirurg fand. Acht Jahre lang, bis 1610, übte er dieses Amt aus, weilte jedoch zum Leidwesen der städtischen Beamten oft außerhalb, um private Patienten zu konsultieren. Während dieser Zeit wurde er persönlicher Wundarzt des Mark-Grafen Friedrich von Baden-Hochberg. Auch korrespondierte Fabry mit zahlreichen hochangesehenen Ärzten in mehreren europäischen Ländern, wobei ihm seine ausgezeichneten Latein- und Französischkenntnisse hilfreich waren. Seine ungeheure Belesenheit und seine fundierten wissenschaftlichen Kenntnisse ließen ihn dabei als gleichberechtigten Gesprächspartner neben anerkannten Autoritäten der Medizin bestehen.

1610 zog Fabry mit seiner Familie zurück nach Lausanne. Einige Jahre später traf seine Familie dort ein schweres Schicksal. Als Wilhelm Fabry 1613 von einer ärztlichen Mission am Mittelrhein nach Lausanne zurückkehrte, war in der Stadt die Pest ausgebrochen und hatte auch sein Haus heimgesucht. Zwei seiner Töchter starben, während die beiden Söhne die Krankheit überlebten. 1615 übersiedelte Fabry schließlich mit den Überlebenden seiner Familie nach Bern, wo er im Auftrage des Rates die Stellung eines städtischen Chirurgen übernahm. 19 Jahre lang, bis zu seinem Tode, versah er dieses Amt, versorgte daneben weitere Patienten im Umland, forschte, publizierte, tauschte Erfahrungen mit renommierten Ärzten und vervollständigte seine Sammlung anatomischer Präparate. Wilhelm Fabry starb am 15. Februar 1634 im 74. Lebensjahre an einem asthmatischen Leiden. Nur sein Sohn Johannes, der ebenfalls Wundarzt geworden war, überlebte ihn. Zwei seiner Söhne und drei Töchter waren bereits vor seinem Hinscheiden verstorben.

Schon zu Lebzeiten war Wilhelm Fabry ein geschätzter Chirurg, der sich durch seine Heilerfolge Achtung erworben hatte. Größerer Ruhm wurde ihm jedoch erst posthum durch die Verbreitung seiner medizinischen Veröffentlichungen zuteil. Zwölf Jahre nach seinem Tod (1646) erschien die Gesamtausgabe seiner medizinischen Schriften, die "opera quae extant omnia".

600 Krankheitsbeobachtungen und die Beschreibungen der Behandlungsmethoden fanden sich darin. Ein Buch, das unter Ärzten mehr als 150 Jahre lang Beachtung fand und noch um 1780 aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt wurde.

Fabry verbesserte auch einige chirurgische Instrumente, vor allem solche, die der Herauslösung von Blasensteinen dienten. Auch Werkzeuge für die Amputation von menschlichen Gliedmaßen perfektionierte er und entwickelte spezielle Formen von Knochensägen, die er vor ihrem Einsatz bis zur Rotglut erhitzte, um so einerseits den Schmerz, aber auch die Blutung zu verringern. Soldaten, die im Kampf eine offene Fraktur des Beines erlitten hatten, waren oft nur durch eine rasche Amputation des Gliedstückes zu retten, da Wundstarrkrampf und Blutvergiftungen schnell zum Tode des Verletzten führen konnten. Dabei empfahl Fabry, wohl in Anlehnung an den römischen Arzt Celsus, eine Absetzung des Gliedes im gesunden Teil in ausreichender Entfernung von den abgestorbenen Gewebeteilen.

Als entschiedener Gegner des Arztes Paracelsus und seiner Schüler, der "Chymisten", bemühte sich Fabry außerdem, auf den hohen Nutzen der Anatomie aufmerksam zu machen. Seine Schrift "Anatomiae praestantia et utilitas" von 1624 plädierte für ein gründliches anatomisches Studium, das zu Fabrys Zeit noch keineswegs allgemein üblich war. Zwar hatte schon 90 Jahre vor seinem Tode der Brüsseler Arzt Andreas Vesalius ein umfangreiches medizinisch-anatomisches Werk mit 300 Illustrationen veröffentlicht ("De humani corporis fabrica" 1543), doch auch zu Beginn des 17. Jahrhunderts war das Sezieren menschlicher Leichen in Deutschland noch selten. Als im Jahre 1629 der Professor Rolfink in Jena die toten Körper von Hingerichteten zerlegte, um daran Studien vorzunehmen, löste dieser Vorfall öffentliche Empörung aus. Fabry, der im letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts in Köln praktizierte, berichtete, daß es in der Stadt nicht einmal eine Skelettsammlung gab, ja daß manche Chirurgen nie in ihren Leben je ein menschliches Skelett gesehen hätten. Fabry selbst zerlegte die Leichen von gesunden Hingerichteten zum Zwecke anatomischer Studien. Auch zur Erkundung ungeklärter Todesursachen sezierte er Körper von Verstorbenen, um das Geheimnis der Krankheit zu lüften. Im Jahre 1600 beispielsweise öffnete er in Köln den Körper eines 14-jährig verstorbenen Mädchens, das bei ausreichender Nahrungsaufnahme stetig abgemagert war. In seiner anatomischen Schrift appellierte er auch an Stadtväter und Landesfürsten, das anatomische Studium zu fördern, damit deutsche Studenten nicht weiterhin auf italienische und französische Universitäten angewiesen seien. Anders als in Deutschland stand in Italien und Frankreich damals die Anatomie in hoher Blüte.

Aber neben seiner Aufgeschlossenheit für die modernen auf Erfahrung und Beobachtung beruhenden Wissenschaften, war Fabry "auch ein Kind seiner Zeit und nicht frei von Aberglauben. (...) Er kannte und gebrauchte noch die seltsamen Mittel der alten Heilkunst, wie getrocknete und zerstoßene Frösche oder Moos von Schädeln, die auf dem Kirchhof gefunden wurden." 2)

Trotzdem war Farbry zu seiner Zeit mit fortschrittlichen und neuen Methoden außergewöhnlich erfolgreich; manche Patienten bestanden darauf, nur von ihm operiert zu werden. Was ihn aber vor vielen Chirurgen seiner Zeit auszeichnete, war das Mitgefühl, das er den Patienten entgegenbrachte. Hinter den Verwundungen und Krankheiten, die es zu operieren galt, sah Wilhelm Fabry immer auch den Menschen, dessen Leid er zu verringern und dessen Leben er zu retten versuchte.

1) Wennig, Fabrystudien IV., S. 9. 2) a.a.O., S. 17.

2) a.a.O., S. 17.