von Wolfgang Wennig

Wolfgang Wennig
Stadtarchivar Hilden
Vortrag anlässlich des Treffens der Rheinischen Medizinhistoriker am 22. Januar 1972 in Hilden

Der bedeutendste Mann, den Hilden hervorgebracht hat, ist WILHELM FABRY oder - wie er sich selbst in seinen Büchern zu nennen pflegte - GUILHELMUS FABRICIUS HILDANUS gewesen. Sein Name war lange Zeit in seiner Heimat in Vergessenheit geraten, aber nicht in der gelehrten Welt. Noch im 18. Jahrhundert schätzten ihn die Ärzte, und die umfangreiche, in einem dicken Folianten vereinte Sammlung seiner Schriften wurde damals noch eifrig benutzt FABRY war zu seiner Zeit der größte deutsche Wundarzt und hatte in vielen Dingen Bahnbrechendes geleistet.

Das ist um so verwunderlicher, als er aus den engen dörflichen Verhältnissen des damaligen Hilden stammte, aus einem rein ländlichen Ort, in dem irgendwelche Voraussetzungen für seine spätere berufliche Laufbahn überhaupt nicht gegeben waren. Hilden hatte im 16. Jahrhundert schätzungsweise nur etwa 500-600 Einwohner, die zum großen Teil weit verstreut in etwa 160 Häusern und Höfen wohnten. Sie waren fast sämtlich Ackerbauern und kümmerten sich um Angelegenheiten der Wissenschaft oder des geistigen Lebens herzlich wenig, es müsste denn das Kirchlich-Religiöse gewesen sein, das, im Zeitalter der Reformation überall die Geister gewaltig aufwühlte. In diesem Dorf, das bisher nur durch die Geschichte eines seit etwa 1169 bezeugten kur-kölnischen Lehnshofes und des Rittersitzes Haus Horst sowie durch langjährige Rechtsstreitigkeiten zwischen Kurköln und dem Herzogtum Berg hervorgetreten war, wurde WILHELM FABRY am 25. Juni 1560 als Sohn des Gerichtsschreibers PETER DREES geboren, und zwar "in der Schmitten", einem Hof, dessen Name wohl daher rührte, dass sich in ihm früher die Dorfschmiede befunden hatte.

Seine Mutter, MARGARETHE AUF DEM SANDE, stammte von einem gleichnamigen Hof, dessen Erinnerung noch heute in dem Hildener Straßennamen "Auf dem Sand" fortlebt. Aus dem Namen der Eltern können wir den damals in Hilden noch geübten altertümlichen Brauch bäuerlicher Namensgebung erkennen:
Die Mutter nannte sich nach ihrem elterlichen Hof, der Vater fügte seinem Taufnamen den seines Vaters zu; denn PETER DREES heißt nichts anderes als "Peter, Sohn des Andreas". Dazu kam auch hier der Hofname "in der Schmitten". Einen Familiennamen im heutigen Sinne führte also PETER DREES noch nicht. Aber sein Sohn WILHELM wich von dem alten Brauch ab. Nach Art der Gelehrten übersetzte er die Namensbeifügung "in der Schmitten" ins Lateinische. Aus dem "Schmied" wurde ein "FABRICIUS" oder "FABRY" und damit ein echter, auch auf Nachkommen vererbbarer Familienname.

PETER DREES war gewiss bäuerlicher Herkunft, aber in seinem Heimatdorf ein angesehener Mann. Als Gerichtsschreiber hatte er unter dem Dorfschultheiß und den gewählten Schöffen gewisse Amtsbefugnisse und musste des Lesens und Schreibens kundig sein. Er dürfte aber auch darüber hinaus geistige Interessen gehabt haben, ja es ist anzunehmen, dass er mit außerhalb von Hilden wohnenden gelehrten Männern persönlich bekannt war. Er hatte das Bestreben, seinem Sohn WILHELM eine gute Schulbildung zu gewähren. Und so sandte er ihn auf eine höhere Schule, vermutlich auf ein Kölner Gymnasium, wo er sich mit den Anfangsgründen der lateinischen Sprache, der internationalen Gelehrtensprache jener Zeit, vertraut machen sollte. Der Vater hegte dabei wohl den stillen Wunsch, seinen Sohn einmal als Gelehrten, also als studierten Mann zu sehen. Leider starb PETER DREES schon 1569, und die Mutter heiratete schon bald darauf in dritter Ehe den PETER CRANTZ. Nur wenige Jahre konnte WILHELM das Gymnasium besuchen.

Als er 13 Jahre alt war, hatten die religiösen und politischen Wirren im Raum von Köln solche Ausmaße angenommen, dass an eine Fortsetzung des Schulbesuches nicht mehr zu denken war. Doch das Samenkorn wissenschaftlicher Neigung war in die Brust des Knaben gelegt und wollte trotz allem wachsen und Früchte tragen. Er tauchte nicht wieder ein in die bäuerliche Welt, aus der er stammte, sondern strebte unablässig danach, seine Kenntnisse zu erweitern. Unschätzbare Förderung erfuhren diese Bemühungen durch CARL UTENHOFEN, einen angesehenen Gelehrten, der aus Gent stammte und von dort als Anhänger der reformierten Lehre geflohen war. Er übte nun bei HERZOG WILHELM VON CLEVE-BERG das Amt des Hofpoeten aus. Dieser Mann erkannte die Gaben, die in WILHELM schlummerten, und weckte und lenkte sie, und FABRY war seinem väterlichen Freund zeit seines Lebens dankbar für diese Förderung. Allerdings, aus dem erhofften Studium wurde nichts. WILHELM kam 1576 nach Neuss in die Lehre des JOHANNES DÜMGENS, eines tüchtigen Wundarztes, und erlernte dort den Beruf eines Chirurgen von Grund aus.

Die Wundärzte oder Bader waren damals keine studierten Ärzte, sondern mehr oder weniger geschickte Handwerker, die meist von Ort zu Ort zogen und ihre Kunst ausübten. Viele von ihnen verstanden es auch, die Leute als Nichtskönner und Scharlatane zu bluffen und ihnen durch billige, oft sogar schädliche Tränklein und Pülverchen oder durch unsachgemäße Behandlung das Geld unredlich aus der Tasche zu ziehen. Sie waren Kurpfuscher und brachten den ehrenwerten Stand mit ihrem Treiben in üblen Verruf. Es ist ein besonderes Verdienst WILHELM FABRYs gewesen, dass er - neben einigen anderen Gleichgesinnten - dank seiner Geschicklichkeit und seiner streng wissenschaftlichen Methode verantwortungsbewußter Beobachtung und Behandlung diesen einst bei den Griechen hochgeachteten Stand wieder hob und mit der akademisch gelehrten Heilkunst in Bezug brachte. Noch aber war es längst nicht so weit. Der junge Badergeselle begnügte sich nicht mit dem, was er bei DÜMGENS erlernen konnte. Er siedelte 1579 nach Düsseldorf über und wurde dort Schüler des angesehe.nen Hofchirurgen COSMAS SLOT. Die Begegnung mit diesem Mann muss von entscheidender Bedeutung gewesen sein. SLOT war ein Schüler des größten Anatomen jener Zeit, des Niederländers ANDREAS VESAL, der dieses Fach als Professor an der Universität Padua gelehrt hatte. SLOT hat die Überzeugung, dass genaue Kenntnis des menschlichen Körperbaues Grundlage aller Chirurgie sein müsse, auf seinen Schüler übertragen. Er arbeitete aber auch kollegial mit den studierten Düsseldorfer Hofärzten zusammen, mit Dr. JOHANNES WEYER und Dr. REINER SOLENANDER, die gleichfalls Meister ihres Faches waren.

Der junge FABRY konnte also in keine bessere Lehre gehen. Nicht nur SLOT, sondernauch WEYER und SOLENANDER haben nachhaltigen Einfluss auf ihn ausgeübt. Und wenn er seitdem immer wieder freundschaftliche Zusammenarbeit und Gedankenaustausch mit angesehenen Ärzten suchte, dann geschah das zweifellos aufgrund der Erfahrungen, die er damals gemacht hatte.

FABRY war der ständige Begleiter seines Lehrers SLOT bei dessen Fahrten zu Patienten. Er bewahrte alles, was er von ihm bei Krankenbehandlungen lernte, in so guter Erinnerung, dass er später in seinen Schriften ausführlich darauf zurückkommen konnte. Wenn sich der junge Wundarzt nach dem Tode seines Düsseldorfer Lehrers 1585 auf die Wanderschaft begab, dann hatte er gewiss von vornherein ein bestimmtes Ziel vor Augen. Er muss von den großen Ärzten gehört haben, die damals im Waadtland, in der französischen Schweiz, praktizierten und lehrten. Zu ihnen zog es den ehrgeizig nach hohem Können Strebenden hin. Seine reise nach dorthin unterbrach er einige Wochen in Metz. Dann wandte er sich zunächst nach Genf, wo er die Bekanntschaft des bedeutenden Chirurgen JEAN GRIFFON machte, zu dem er nochmals für kurze Zeit in ein Schülerverhältnis trat. In Genf lernte er auch seine Frau kennen, MARIA COLINET, die Tochter eines Buchdruckers, mit der er sich am 30. Juli 1587 verheiratete. Darauf siedelte FABRY für einige Zeit nach Lausanne über, wo damals eine Reihe bedeutender Ärzte wirkte und wo er hoffen konnte, seine medizinischen Kenntnisse zu vervollkommnen. Er hat mit den dort wohnenden Ärzten, Chirurgen und Apothekern gute Freundschaft gepflegt und ständig Erfahrungen ausgetauscht. Schon damals hatte er durch seine Geschicklichkeit hohes Ansehen erworben, und der Höhepunkt der ersten Lausanner Jahre war gekommen, als GRIFFON für kurze Zeit aus Genf nach Lausanne übersiedelte und mit FABRY kollegial zusammenarbeitete.

Als FABRY dann 1589 in die Heimat zurückkehrte, verfügte er über ein Wissen und Können, das bei seinem Fleiß und seiner Gewissenhaftigkeit zu den größten Hoffnungen berechtigte. Zunächst praktizierte er in Hilden, siedelte aber dann nach Köln über, wo er seine Fähigkeiten besser verwenden und obendrein in der von Lausanne her vertrauten Weise Umgang mit Ärzten pflegen konnte. Außerdem fand er in Köln den alten Freundeskreis um CARL UTENHOVEN wieder. Der junge Wundarzt wurde bald so bekannt, dass man ihn von nah und fern an Krankenlager rief, und seine guten Heilerfolge, die er nicht nur auf seinem eigentlichen wundärztlichen Gebiet, sondern auch sonst erzielte, festigten seinen Ruf immer mehr.

Er aber war nicht der Mann, sich mit den bisher errungenen Fähigkeiten zu begnügen; vielmehr fasste er seine gesamte Tätigkeit als ein fortwährendes Hinzulernen auf. Vor allem aber ging er damals schon dazu über, seine Erfahrungen aufzuzeichnen und zu sammeln, um sie gedruckt oder auch brieflich anderen mitzuteilen.

Als Verfasser zahlreicher medizinischer Schriften erwarb FABRY seinen größten Ruhm; mit ihnen sollte sein Name durch die Jahrhunderte fortleben. Sein erster Traktat erschien 1593 in Köln. Er handelt von dem heißen und kalten Brand, einem damals vor allem infolge unfachgemäßer Wundbehandlung weit verbreiteten, höchst gefährlichen Leiden. Der Titel dieses Werkes, das zu seinen Lebzeiten nicht weniger als zehnmal aufgelegt wurde, lautet De Gangracna et Sphacelo, das ist: Von dem heißen und kalten brandt. Er berichtet darin nicht nur von Ursachen, Anzeichen und Verlauf jener entzündlichen Vorgänge, sondern vor allem von ihrer Behandlung und von der durch ihn abgewandelten Methode operativer Absetzung befallener Glieder, für die er auch besondere Instrumente erfunden hatte.

Gegen Ende seiner Kölner Zeit hat FABRY mehrfach weitere Reisen, vor allem nach Genf und Lausanne, unternommen, bis er schließlich ganz in die Schweiz zurückkehrte. Dort weilte er zunächst noch einmal kurze Zeit in Lausanne, siedelte aber dann 1602 nach der waadtländischen Stadt Peterlingen (Payerne) über, wo er gegen eine jährliche Besoldung von 200 Gulden die Stelle des amtlichen Stadtchirurgen übernahm. Er hat dieses Amt bis Ende 1610 ausgeübt; doch ist er - sehr zum Leidwesen seiner Brotherren - in jenen Jahren oft und für längere Zeit unterwegs gewesen, um Kranke zu behandeln. Unter diesen befanden sich hoch.gestellte Persönlichkeiten. So hatte ihn MARKGRAF GEORG FRIEDRICH VON BADEN-HOCHBERG zu seinem Wundarzt ernannt.

Daneben aber setzte FABRY auch die Reihe seiner Veröffentlichungen fort. Schon 1597 war in Genf eine zweite, diesmal französische Ausgabe seines Traktats vom heißen und kalten Brand erschienen, und im Jahr darauf hatte er - veranlaßt von dem ihm befreundeten Lausanner Professor der hebräischen Sprache, JEAN RHETIER - in Genf 25 ausgewählte ärztliche Beobachtungen in lateinischer Sprache drucken lassen. Dieses Büchlein fand so guten Anklang, dass er sich entschloß, von nun an wiederholt derartige von ihm gemachte ärztliche Erfahrungen gedruckt der Öffentlichkeit zu übergeben. Schon 1606 erschien in Basel das erste Hundert seiner Beobachtungen und Behandlungen (Observationum et curationum chirurgicarum centuria).

1602 brachte er in Bern wieder einen französisch abgefaßten Traktat, also eine Einzeluntersuchung, heraus. Er handelt von der roten Ruhr, einer damals ebenfalls weitverbreiteten Krankheit (Traittè de la dysenterie). 1607 erschien ein Traktat über Brandwunden (De combustionibus). Alle diese Schriften wurden - wie damals üblich - auch von fremden Verlagen in medizinische Sammelwerke übernommen und fanden eine große Verbreitung.

FABRY stand zu jener Zeit schon in einem ausgedehnten Briefverkehr mit zahlreichen Ärzten, und zwar nicht nur mit deutschen und französischen. Wir können sagen, dass er mit den bedeutendsten Ärzten vieler Länder Europas Briefe ausgetauscht hat. Da er die lateinische und französische Sprache vollkommen beherrschte, ja auch im Griechischen über einige Kenntnisse verfügte, war ihm ein solcher wahrhaft internationaler Gedankenaustausch durchaus möglich, und der unstudierte Wundarzt war dank seiner ungeheuren Belesenheit wissenschaftlich so geschult, dass er neben Koryphäen der Heilkunst bestehen konnte und bei diesen auch Anerkennung fand.

Im Jahre 1610 verließ er Payerne und siedelte mit seiner Familie nach Lauseanne über. Doch reiste er bereits 1611 ein letztes Mal - ohne seine Frau - nach Hilden, um dort eine Erbschaftsangelegenheit zu regeln. Dieser Aufenthalt zog sich länger hin als geplant. Eine Reise nach Holland zu dem berühmten Leidener Anatomen und Botaniker PIETER PAW sowie eine eigene Erkrankung verzögerten die Rückkehr. Vor allem sah er sich veranlaßt, seiner Mutter, die alt und gebrechlich geworden war, beizustehen. Sie starb - zum drittenmal Witwe geworden - am 26. April 1612. Nachdem er sie zur letzten Ruhe gebracht hatte, nahm er von der Heimat und von seiner in Hilden verheirateten Schwester GERTGEN für immer Abschied und reiste zu den Seinen nach Lausanne zurück.

Das folgende Jahr 1613 brachte schweres Leid für den nunmehr schon 53 jährigen. Als er nach einer Berufsfahrt zum Mittelrhein wieder in Lausanne eintraf, war dort die Pest ausgebrochen und hatte auch in seinem Haus Einkehr gehalten. Fast die gesamte Familie war erkrankt und er verlor zwei Töchter, während die beiden Söhne genasen. FABRY, dem das Haus für drei Monate verschlossen war, muß Unsägliches gelitten haben. Wie wichtig war es jetzt für ihn, dass er, schon von den Eltern in der Furcht Gottes erzogen, ein frommer Mann war und in der christlichen Religion seinen Halt fand. Hier muss etwas über diese Seite des großen Mannes gesagt werden. Mit seiner Frau war er ein eifriger und überzeugter Anhänger der reformierten (calvinistischen ) Lehre und pflegte auch mit Theologen und Gleichgesonnenen freundschaftlichen Verkehr und Gedankenaustausch. Er gehörte einer Art pietistischem Kreis an und hat sich auch dadurch hervorgetan, dass er pietistische Schriften übersetzen ließ. Ja, mehr noch: FABRY selbst hat zusätzlich zu seinen medizinischen Werken eine Reihe teils theologischer Schriften hinterlassen: Geistliche Lieder und Gesänge (1616 und 1621) und sein Hauptwerk dieser Art, Spiegel des menschlichen Lebens, ein Buch von über 460 Seiten (1621 in Bern), das in Versform verfasst ist und den Lauf des menschlichen Lebens und seine Gebrechlichkeit mit ungezählten Hinweisen auf biblische Stellen schildert. In ähnlicher Richtung liegt das Buch Christliche Abmahnung von der Trunkenheit (1623), ferner Christlicher Schlaftrunk, (1624). Voller köstlicher Einzelheiten ist endlich das Büchlein Schatzkämmerlein der Gesundheit, das für den einfachen Mann bestimmte Regeln zur Führung eines gesunden, vernünftigen Lebens enthält (1628).

Im Frühjahr 1615 löste FABRY seinen Lausanner Haushalt auf und siedelte mit seiner Familie nach Bern über, wo ihm der Rat die Stelle des städtischen Amtschirurgen angetragen hatte. 19 Jahre lang hat er dieses ehrenvolle Amt bis zu seinem Tode ausgeübt und sein Ansehen weiterhin gehoben. Der unermüdliche Mann hat in den ersten Jahren seiner Berner Zeit noch zahlreiche und ausgedehnte Reisen zu Patienten unternommen, er hat Schüler in seiner Kunst unterwiesen, die teils aus der fernen Heimat zu ihm kamen, um von ihm zu lernen. Vor allem aber setzte er seinen ausgedehnten Briefwechsel fort, wie er auch weiterhin medizinische Schriften herausgab, Schriften, die er aus Mangel an Zeit zum Teil in den Nächten abfasste. Aus ihnen kann man heute die außerordentliche Vielseitigkeit seiner ärztlichen Praxis erkennen. Ob es sich nun um die Behandlung entzündlicher, brandiger Vorgänge, um die rote Ruhr, um die Heilung von Brand- und Schusswunden handelte, ob es um die Beseitigung von Blasensteinen, um die Leistung ärztlicher Hilfe bei komplizierten Geburten oder sonst anderes mehr ging, immer wusste FABRY zu helfen oder lindernd einzugreifen. Ja, sogar auf dem Gebiet des Schädelbruches und der Schädelöffnung (Trepanation), der orthopädischen Heilbehandlung sowie in der schwierigen Therapie von Augenleiden hat er in Anbetracht der damals zu Gebote stehenden Hilfsmittel Erstaunliches geleistet und manche Verbesserung gefunden.

Zeit seines Lebens betrachtete er sich als einen Suchenden und Lernenden, obwohl sein Wissen und Können längst auf einem festen Fundament gründeten. Das war einmal die von ihm hochverehrte antike Heilkunst der Griechen und Römer, HIPPOKRATES, GALEN und DIOSKORIDES, auf die er sich immer wieder berief, andererseits waren es später medizinische Autoren bis zu VESAL, deren Schriften er sein eigen nannte und gründlich studierte. Vor allem aber kamen ihm seine eigene unbestechliche Beobachtungsgabe sowie seine genaue Kenntnis vom Bau und von wesentlichen Funktionen des menschlichen Körpers zustatten.

Die hohe Auffassung, die er von seinem Beruf hatte, rechtfertigte jede darauf verwandte Mühe. Sie ist aber auch Ursache seiner häufigen und überaus heftigen Angriffe auf jegliche aus Unwissen oder Halbwissen kommende Salbaderei der landläufigen Chirurgen. Immer wieder weist er in seinen Schriften auf schwere Misserfolge solcher Scharlatane hin, die mit unsachgemäßer Behandlung ihrer Patienten schädigten und peinigten, ja mitunter sogar töteten. Ganz besonders hatte er es auf die Schüler des PARACELSUS, die "Chymisten" , abgesehen, deren Methode nicht auf den exakten Lehren der Alten beruhte, und die nichts von der Anatomie hielten. So wurde ein spät herausgebrachtes Werk, das vom Nutzen der Anatomie handelt (Anatomiae praestantia et utilitas, 1624), zu einem wahren Bekenntnis seiner ärztlichen Überzeugung.

Vor allem aber sind von unvergänglichem Wert seine Observationes et curationes chirurgicae, die von ihm gesammelten ärztlichen Krankheitsbeobachtungen und -behandlungen, von denen er nach und nach 500 herausbrachte, und die er in der noch von ihm besorgten, aber erst nach seinem Tode erschienenennSammel.ausgabe seiner wichtigsten medizinischen Schriften um ein sechstes Hundert ergänzte. Sie und dazu 100 ausgewählte Briefe bildeten den Kern des umfangreichen Foliobandes der Opera quae extant omnia (1646, 1682 im Neudruck erschienen und noch 1780 ins Deutsche übersetzt), mit ihnen wurde dieses Werk für Jahrhunderte zu einer Art Bibel der Heilkunst. Aber auch Einzelschriften, wie das New Feldt Artzney Buch (erstmalig 1613), wie auch das Buch über Brandwunden, das über den kalten und heißen Brand, eine Arbeit über die Bräune (Angina) und andere mehr wurden noch nach seinem Tode in andere Sprachen, vor allem ins Englische und Holländische, übersetzt.

Natürlich war FABRY auch ein Kind seiner Zeit, nicht frei von Aberglauben. Noch in mancher seiner Erklärungen von Krankheitsursachen sind altertümliche Vorstellungen enthalten. Er kannte und gebrauchte noch die seltsamen Mittel der alten Heilkunst, wie getrocknete, zerstoßene Frösche oder Moos von Schädeln, die auf dem Kirchhof gefunden wurden. Besonders kostbar schien ihm der sogenannte "Bezoarstein", ein Stein, der sich im Körper der persischen Bergziegen fand und der, pulverisiert der Medizin beigemischt, gegen alle möglichen Leiden helfen sollte. Zur Verhütung von Ansteckungen bei Pestkranken trug er Amulette, den Ausbruch von Epidemien brachte er mit Naturerscheinungen in Verbindung. Aber andererseits war er durchaus in der Lage, aus der altüberlieferten Volksheilkunst das Richtige anzuwenden. Heilkräuter mannigfacher Art verwandte er für seine Arzneien, Salben und Pulver, für deren Zubereitung er genaue Rezepte aufstellte. Bemerkenswert ist weiter, dass seine Krankheitsdeutung stets von der Gesamtverfassung des Patienten ausging, und dass er niemals die der eigentlichen Behandlung vorausgehende Grundbehandlung (Basistherapie) außer Betracht ließ. Ganz besonders ist aber darauf hinzuweisen, dass er jeden Kranken individuell behandelte, d.h. bei gleichem Leiden je nach Alter und Gesamtbeschaffenheit ganz verschieden vorging. So hat er auch die große Anzahl chirurgischer Instrumente und Hilfsmittel von Fall zu Fall erfunden oder weiterentwickelt. Er bildete sie alle in seinen Büchern ab und beschreibt sie und ihre Anwendung genau. Nach dem Vorbild des Anantomen PAW hatte er sich eine anatomische Sammlung angelegt, in der auch die pathologische sowie die zoologische Anatomie vertreten waren. Und dies tat er nicht etwa, um mit einer solchen Sammlung von Abnormitäten und Besonderheiten in der Fachwelt Aufsehen zu erregen, sondern alle diese anatomischen Präparate waren ihm selbst wertvolles Anschauungs-, Vergleichs- und Studienmaterial.

Infolge seiner altersbedingten Gebrechen mußte WILHELM FABRY

Leider war es ihm nicht vergönnt, dieses sein Lebenswerk abgeschlossen und gedruckt in Händen zu halten; das Buch erschien erst zwölf Jahre nach seinem Tod. Am 15. Februar 1634 erlag er, im 74. Lebensjahr stehend, seinem asthmatischen Leiden. Er wurde betrauert von der treuen Lebensgefährtin, die ihm so oft auch in der Ausübung seines Berufes mit großem Geschick zur Seite gestanden hatte. Von seinen Kindern war nur ein Sohn, JOHANNES FABRY, geblieben, der gleich ihm Wundarzt geworden war. Sein Sohn PETER, der Medizin studiert und den Vater mit besonderen Hoffnungen erfüllt hatte, war 1628 in den Niederlanden verstorben. Der älteste Sohn hatte bereits 7jährig in Köln das Zeitliche gesegnet. Außer den beiden 1613 gleichfalls in kindlichem Alter der Pest erlegenen Töchtern hatte er noch eine dritte, SIBYLLE, gehabt, die ihm Enkelkinder schenkte, aber ebenfalls vor ihm verstorben war.

Zahlreiche Denksprüche wurden - wie schon zu seinen Lebzeiten - nach damals geübtem Brauch anläßlich seines Todes verfaßt, lateinische, französische und deutsche Verse seiner Freunde, oft von recht gelehrter Spitzfindigkeit, alles in der Absicht, den großen Arzt zu ehren und seinem Wirken ein Denkmal zu setzen. Sein Sohn sammelte und veröffentlichte sie 1637.

Keiner von ihnen allen faßt in wenigen, wenn auch rührend unbeholfenen Zeilen das gesamte Leben und Wirken des größten Sohnes von Hilden so anschaulich zusammen wie das Sonett seines Berner Freundes ANTON STETTLER:

"Von mynen Eltern fromm zu Hilden Ich erboren,
Welche in Gottes forcht, nach warer Eltern pflicht
Mych underwiesen wol und sich dahin gericht,
Dass kein Müh noch kein Zyt An mir wär verloren.

Zu Cölln sy mir die Schul zu Anfang ußerkoren,
Da in denn Künsten Ich gelegt die Fundament,
Daruff in der Artzney so viel flyß angewent,
Dass Ich ein Hof-Artzt ward von Fürsten Hochgeboren.

Wyl aber Ich zu Hoff leider vil Mißbruch sach,
Ich solchem Vrloub gab und mych gahn Genf harnach,
Auch mehr Ort, vnd endtlich In die Statt Barn begeben.


Da Ich lang ein Statt-Artzt trüwlich ließ bruchen mych,
Myn Lyb ruht da im Grab, Myn SEEL in Gottes Rych,
Vnd myn LOB vff der Erd ohn vnderlaß thut leben."