"Gottes Segen"

OMNIS MEDELA A DEO

Aus: Erich Hintzsche, Guilelmus Fabricius Hildanus 1560-1634.
Festschrift 25 Jahre Lindopharm Rönsberg KG Hilden

Portrait_EngsfeldAlle Hilfe kommt von Gott oder freier übersetzt: An Gottes Segen ist alles gelegen. Das war Fabrys Leitspruch in der praktischen Medizin. Wer sich zum ersten Mal mit seinen Schriften befaßt ist erstaunt, wie viel innere Medizin dieser Chirurg nicht nur betrieb sondern auch beherrschte. Dabei ist diese Seite seines Wirkens wie seine Physiologie ihrem Ursprung nach ganz altgriechische Heilkunde. Die Lehre von den vier Qualitäten heiß - kalt und feucht - trocken durchdringt seine Vorstellungen in der Diagnostik wie in der Therapie. Ein einziges Merkmal trennt ihn von der mittelalterlichen Medizin: Er lehnte die Harnschau in ihrer ausschließlichen Form ab.

Grundsatz ist ihm aber: Auf jede chirurgische Behandlung ist der Patient internistisch vorzubereiten. Deshalb gehen Abführmittel und Aderlaß allen wundärztlichen Eingriffen voraus.

Bei Fabry gibt es aber auch Werke, die die Chirurgie in keiner Weise berühren. Seine erste Abhandlung dieser Art ist über die Dysenterie oder die rote Ruhr. Sie unterscheidet sich nach Fabry von anderen mit Durchfall einhergehenden Erkrankungen durch die Beimischung von Blut zu den Exkrementen, den anhaltenden Drang zu Entleerungen und starke Schmerzen. Unter den äußeren Ursachen dieser Erkrankung soll verdorbene Luft die gefährlichste sein; sobald erst einige Personen infiziert waren, breitete sich die Rote Ruhr durch direkte Übertragung weiter aus. Leicht faulende süße Früchte hielt er für schädlich, ebenso daraus bereitete Säfte. In die Verordnungen wurden mehrfach Zeilen aus dem Regimen sanitatis Salernitanum als Erinnerungshilfen eingeschaltet. Prognostisch galt die Ruhr als beschwerlich und gefährlich; würde der Arzt aber von Anfang an beigezogen und befolge der Kranke seinen Rat, so konnte man auf Gesundung hoffen. Ordnung der Lebensweise, Entleerung des Darminhaltes und Bekämpfung der Schmerzen waren die Hauptziele der Therapie, für die Fabry neben einer Abkochung von Herba Agrimoniae und Veronicae Bezoarstein als Arznei empfahl. Ein von Fabry zuerst angegebenes Stechbecken und zwei Klistierrohre mit Schweinsblasen als Flüssigkeitsbehältern wurden als Mittel zur Erleichterung der Krankenpflege abgebildet.

Von anderen ansteckenden Krankheiten, die in Fabrys Werk beschrieben wurden, ist ein bösartiges Fieber zu nennen, das 1617 im bernischen Gebiet ausbrach. Es wurde durch schweizerische Söldner aus Italien eingeschleppt und war mit starkem Kopfschmerz, Trockenheit der Zunge und Entzündung der Schlundes verbunden. Viele starben daran im Zustand starker Benommenheit, andere in Anfällen von Delirien. Diese Erscheinungen lassen an meningitische Reizzustände denken.

Im Herbst 1618 war Fabry Zeuge einer Pockenepidemie in Basel, der mehr als 500 Kinder erlagen. Eine andere Häufung von Erkrankungen an Pocken beobachtete er im Juni 1626 in Bern. Beide Male hatte er Gelegenheit, ein Kind zu behandeln, das die Sprache verloren hatte. Er führte diesen Zustand auf eine Affektion der Nn. recurrentes zurück und konnte melden, dass die Lähmung schließlich wieder zurückgegangen sei. Im übrigen beobachtete er Folgezustände sehr verschiedener Art wie Erblindung und Abszedierung, die zu Eiterungen in Muskeln und Sehnen führten, wobei bösartige Geschwüre entstanden. Um die Narbenbildung im Gesicht zu verhüten öffnete er die reif gewordenen Pusteln und ließ zwei- bis dreimal täglich eine Salbe aus frischer Butter, Lilien- und Blumenöl sowie etwas Eidotter aufstreichen.

Über seine Erfahrungen bei Pestepidemien äußerte sich Fabry in mehreren Mitteilungen. Er hatte die Krankheit sowohl 1613 in Lausanne als auch 1628 in Bern kennengelernt. Beide Male sei die Pest heftig gewesen, denn viele starben schon nach ganz kurzem Kranksein. Sie war bösartig, was sich an der geringen Wirksamkeit der Medikamente zeigte. Als solche verordnete Fabry Bezoarstein und gebranntes Hirschhorn in Zimt- und Kardobenediktenwasser mit Alkermes-Latwerge vermischt. Er selbst und andere schützten sich durch Fontanellen am Arm und Bein, auch Träger eines Haarseiles schienen weniger anfällig. Trat gleich bei Beginn der Erkrankung Erbrechen oder Durchfall auf, so war wenig Hoffnung auf Heilung, ebenso starben die meisten, denen zu Anfang ein Aderlaß gemacht wurde. Trotz strenger Isolierung der Pestkranken breitete sich die Epidemie weiter aus, so dass auch Personen befallen wurden, die keinen Kontakt mit Pestkranken gehabt hatten. Fabry schloß daraus, dass verdorbene Luft an der Pestentstehung Anteil haben muß. Interessant ist der Hinweis, dass sich der "Pestsame" schon mehrere Tage vor Ausbruch der Krankheit im Körper befinden kann, also eine Vorahnung der Inkubationszeit. Als Nachkrankheiten beschrieb Fabry zwei Fälle von Brand der Zehen oder des Fußes, die zu Amputationen nötigten. Bei der Beschreibung dieser Pestepidemien berichtete Fabry nichts mehr vom Nutzen der Pestamulette aus Arsenik, Krötenpulver usw., die er früher so gelobt und empfohlen hatte.