Teil 2

Bewegte Zeiten

fabry_serie02Die „St.-Jacobus-Kirche“ – heute Reformationskirche – die der Erzbischof von Köln, Engelbert II., in den Jahren 1218 bis 1220 errichten ließ, war bei Wilhelm Fabrys Geburt in Hilden das einzige Gebäude aus Stein. Foto: Olaf StaschikWilhelm Fabrys Geburt fällt in eine Zeit, in der die Bauern Not durch Frondienste leiden. Krankheiten wie Pest und Syphilis geißeln die Bevölkerung. Das Verhältnis zwischen Adel und Bürgertum beginnt, sich zu verändern.

von Uli Schmidt
Quelle: Rheinische Post, Donnerstag, den 9. Juli 2009

Wir schreiben das Jahr 1560. Mit diesem Datum verbinden Historiker die „Frühe Neuzeit.“ „Deutschland“, so wie wir es heute kennen, existiert noch nicht. Der aus dem Hause Habsburg stammende Kaiser Karl V. hat 1556 abgedankt und sein Reich geteilt. Sein Bruder Ferdinand I. wird sein Nachfolger. Seinem Sohn Philipp II. fallen Spanien und die Niederlande zu. Fürstentümer und Grafschaften sind zu dieser Zeit territorial zersplittert.
Das Verhältnis zwischen Adel und Bürgertum beginnt, sich zu verändern. Die Bauern leiden Not durch Frondienste. Krankheiten wie Pest und Syphilis geißeln die Bevölkerung. Quacksalber und Aberglaube sind an der Tagesordnung. Die absolutistisch geprägte katholische Kirche ruft durch Inquisition und Ablasshandel Widerstand hervor. Martin Luther hat 1517 mit seinen 95 Thesen die Reformation in ganz Europa ausgelöst. Erst im Augsburger Religionsfrieden wird 1555 die Reformation zum ersten Mal reichsrechtlich anerkannt. Hilden ist zu dieser Zeit ein Dorf mit weniger als 1000 Einwohnern, die verstreut auf Gehöften leben und sich vom Ackerbau ernähren müssen. Große Waldgebiete und Felder prägen noch die Landschaft zwischen Düsseldorf und Köln. Der „Hohe Hof Hilden“, nach heutigem Wissen 985 gegründet, wird 1074 das erste Mal urkundlich erwähnt. Er zählt zu den zwölf Tafelgütern des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln. Ab 1404 werden die Herren von Haus Horst für Jahrhunderte Abgaben von den Bauern der Umgegend fordern. Den Mittelpunkt des Dorfes an der Itter bildet die „St.-Jacobus-Kirche“ (heute Reformationskirche), die der Erzbischof von Köln, Engelbert II., in den Jahren 1218 bis 1220 errichten ließ. Sie ist das einzige Gebäude aus Stein. Damit ist sie älter als der Kölner Dom und wird später historisch besonders interessant, weil sie im katholisch geprägten Rheinland schon 1648 der reformierten Kirche zugesprochen wird. Die weltliche Macht hat Mitte des 16. Jahrhunderts Wilhelm der Reiche, Herzog von Jülich-Kleve-Berg. Er herrscht bereits seit 1539, hat die Gerichtsbarkeit und unterstützt die reformierte Glaubensrichtung. Seine Untertanen leben in Fachwerkhäusern, in einem Gebiet, das wir uns heute von der Hoffeldstraße bis zum Hagelkreuz und der Bismarckstraße bis zur Heiligenstraße vorstellen können.

Nur vom Gehöft „In der Schmitten“, das seinen Platz ungefähr am Standort des heutigen Amber-Hotels hatte, gibt es einen freien, nicht von Bäumen verstellten Blick, auf die kleine Siedlung. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet hier am 25. Juni 1560 Wilhelm Fabry auf die Welt kommt. Er wird nicht nur Medizingeschichte schreiben, sondern auch seinen Geburtsort weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machen.

Geschichtliches Umfeld

1525 Kaiser Karl V. schlägt die Franzosen unter Franz I. in der Schlacht bei Pavia.
1526 Die Türken siegen über Ungarn bei Mohács und belagern Wien.
1533 König Heinrich VIII. bricht mit der katholischen Kirche.
1571 Sieg der christlichen Großmächte unter Don Juan de Austria über die Osmanen in der Seeschlacht von Lepanto.
1572 Der französischen Religionskrieg zwischen Katholiken und Hugenotten erreicht seinen Höhepunkt in der Bartholomäusnacht.