guernicaGuernica, 1937, Öl auf Leinwand, 349 cm × 777 cmMit dem wandgroßen Gemälde »Guernica« schuf Picasso das wohl bekannteste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts. Es bezieht sich auf eine konkrete geschichtliche Situation und ist Ausdruck von Picassos politischem Engagement. Deswegen gehören Kunst und Politik, kreative Eigenarten und historische Umstände hier untrennbar zusammen. Das Desinteresse des Künstlers an tagespolitischen Ereignissen hatte spätestens 1936 ein Ende gefunden. Als im Frühsommer jenes Jahres in Frankreich das Bündnis aus Sozialisten und Kommunisten, die sogenannte Volksfront, die Regierung übernahm, wurde vollzogen, was in Spanien bereits seit mehreren Monaten Realität war. Dort hatten sich die Jahre seit der Ablösung einer Militärdiktatur und Ausrufung der Republik am 14. April 1931 außerordentlich unruhig gestaltet; sie waren geprägt von gewaltsamen, blutig verlaufenden sozialen und politischen Auseinandersetzungen. 1934 war die bürgerlich-republikanische und sozialistische Regierung von einem Bündnis aus Monarchisten und Rechtsrepublikanern abgelöst worden. Im Gefolge ihres Widerrufs von Reformen kam es zu einem Bergarbeiteraufstand und einem Generalstreik, der vom Militär unter dem Oberbefehl General Francos mit Unterstützung durch des faschistische Italien blutig niedergeschlagen wurde. Im November 1934 konstituierte sich daraufhin der spanische Ab leger des internationalen Faschismus, die Falange. Erst am 19. Februar 1936 kam es wieder zu einem politischen Umschwung, als die Volksfront nach ihrem Wahlsieg legal und demokratisch legitimiert die Regierung übernahm. Die ersten Monate dieser neuen Politik waren von heftigen Kämpfen auf allen Seiten gekennzeichnet. Insbesondere die Falange versuchte, durch Terroranschläge die Arbeiterbewegung niederzudrücken. Startsignal für ihre offene Revolte war ein Attentat, bei dem am 13. Juli 1936 der Führer der Monarchisten ermordet wurde. Am 17. Juli 1936 begann dann mit einem Aufstand des von Franco kommandierten Militärs in Spanisch-Marokko der Bürgerkrieg, der am 18. Juli auf das Mutterland übergriff. Der republikanischen Regierung stand ein Bündnis aus Nationalisten, Falangisten und Antirepublikanern gegenüber, getragen von Streitkräften unter der Führung Francos, der mit Hilfe Italiens und des nationalsozialistischen Deutschland seine Truppen aus der nordafrikanischen Kolonie nach Spanien hatte übersetzen können. Der Krieg dauerte bis zum 28. März 1939 und forderte eineinhalb Millionen Menschenleben. Auf seiten der Falangisten operierten italienische und deutsche Truppen allen voran die berüchtigte Legion Condor, eine deutsche Luftkriegseinheit. Die republikanische Regierung wurde vor allem von der Sowjetunion und zahlreichen Freiwilligen aus vielen Ländern unterstützt, von den Regierungen Frankreichs und Englands aber infolge ihrer Nichteinmischungspolitik im Stich gelassen. Picasso stellte sich seit Beginn des Bürgerkriegs auf die Seite der rechtmäßigen republikanischen Regierung und wurde von dieser im Juli 1936 zum Direktor des bedeutendsten spanischen Kunstmuseums ernannt, des Prado in Madrid. Im Januar 1937 erteilte ihm die Volksfrontregierung den Auftrag zu einem Wandgemälde, das dem spanischen Pavillon auf der im Juli in Paris beginnenden Weltausstellung schmücken sollte. Zur selben Zeit bezog Picasso ein neues Atelier in der Rue des Grands-Augustins in Paris, in derselben Straße, in der Balzacs Novelle "Das unbekannte Meisterwerk" spielt. Zunächst dachte Picasso daran, seinen Auftrag mit einer Darstellung der Freiheit der Kunst zu erfüllen, gefaßt in einer Atelierszene mit Maler und Modell. Als ihn die Nachricht vom Bombardement der heiligen baskischen Stadt Guernica erreichte, änderte er jedoch seine Absicht. Falangistische Luftstreitkräfte, bestehend aus spanischen, italienischen und deutsche Truppen unter deutschem Oberbefehl, zerstörten am 26. April 1937 die Stadt in einem dreieinhalb Stunden dauernden Angriff total.
Guernica-RuinenDas von der Legion Condor zerstörte Guernica - Bundesarchiv, Bild 183-H25224 / CC-BY-SADas Angriffziel war militärisch belangslos, die Zerstörung ein reiner Terrorakt. Politische Bedeutung erhielt das Ereignis durch eine Serie von Berichten, die unmittelbar darauf durch die internationale Presse gingen. Durch diese Veröffentlichungen wurde Guernica schnell zu einem Symbol für den modernen Massenvernichtungskrieg. Zugleich wurde Guernica zu einem Synonym für die Greuel des Bürgerkriegs. Denn Ähnliches hatte es schon vorher gegeben. Im November 1936 bsw. wurde bei dem Versuch, Madrid einzunehmen, die dortige Zivilbevölkerung durch wochenlange Bombardements systematisch vernichtet, und schon am 31. März 1937 war das baskische Städtchen Durango von deutschen Flugzeugen fast völlig zerstört worden. Unter diesen Eindrücken revidierte Picasso seine ursprüngliche Idee für das Wandgemälde vollständig und begann am 1. Mai einen neuen Gedanken zu skizzieren. Bereits Mitte Juni 1937 wurde das vollendete Werk an der Wand des spanischen Pavillons der Weltausstellung angebracht, das Gebäude dann am 12. Juli feierlich eröffnet. Es diente der Selbstdarstellung des republikanischen Spanien in seiner existentiellen Bedrohung. Diesem Rahmen fügt sich Picassos Gemälde völlig ein, ergreift aber Partei mit ausschließlich symbolischen Mitteln. Ein Hinweis auf kriegerische Handlungen fehlt ebenso wie eine Betonung der politischen Gegebenheiten. »Guernica«, das zeitgeschichtliche Symbol des Kriegsterrors, wird Anlaß für eine allegorische Komposition. Das riesige Bild wirkt monumental, aber nicht erdrückend. Die langgestreckte horizontale Komposition vereint sieben Figuren oder Figurengruppen und ist klar und raffiniert gegliedert. Zwei Darstelllungen nehmen die Seitenflächen links und rechts ein, dazwischen formiert sich die Figuration zu einem flachen Dreieck. Im Zentrum steht in unnatürlicher Pose ein verwundetes Pferd mit jäh nach links gewendetem Hals und schmerzhaft aufgerissenem Maul. Von rechts ragen aus einer viereckigen Öffnung ein stilisierter menschlicher Kopf in Profilansicht und ein Arm ins Bild, der eine brennende Petroleumlampe über die Szenerie hält. Über dem Pferdekopf erscheint ein vieldeutiges Motiv: Ein großes Auge Gottes, umgeben von einem Kranz unregelmäßiger Zacken und mit einer Glühbirne anstatt der Pupille, ist zugleich Zeichen für strahlende Sonne wie für elektrisches Licht. Rechts des Pferdes eilt eine Frau herbei. Ihre Pose ist deutlich an der fallenden Diagonalen ausgerichtet, so daß sich hier die mittlere Gruppe kompositorisch schließt. Pendant dieser Figur ist links unterhalb des verwundeten Pferdes eine mit weit ausgebreiteten Armen auf dem Boden liegende Kriegerstatue mit einem geborstenen Schwert in der Hand. Sie ist in einzelne hohle Blöcke zerschellt. Picasso vermeidet die unwillkürlich entstehende Starrheit eines strengen Ordnungsgefüges. Denn Sonne wie Lampe sind links, das ebenso wirkungsvolle Motiv der weißen Hauswand dagegen rechts von der Mittelachse angeordnet. Über dem zerbrochenen Kriegerstandbild steht eine geschlossene Gruppe. Vor einem Stier kniet eine Mutter, die schreiend ihr totes Kind im Arm hält. Dem entspricht am rechten Bildrand eine Figur mit zurückgeworfenem Kopf, den Mund zum Schrei geöffnet, die Arme in pathetischer Geste hoch erhoben. Dunkle und helle Flächen und unregelmäßige Zacken lassen sie als eine stürzende, brennende Gestalt vor einem in Flammen stehenden Haus erscheinen. Verschiedene in die Tiefe führende Linien und unregelmäßige perspektivische Verkürzungen verunklären konsequent die räumliche Situation. Dazu trägt auch die Verteilung heller und dunkler Partien bei, die keine klare Lichtquelle erkennen läßt. Die Szene spielt sich also weder innen noch außen ab, sondern überall. Picasso hat hier elementare Ausdrucksmittel, die eigene Formensprache und allgemein verständliche, durch lange Überlieferung verbreitete Motive und Bildschemata in Einklang gebracht. Indem er »Guernica« als allegorisches Historiengemälde ausführte, bediente er sich einer traditionellen Bildgattung.
Deutlich auch orientiert sich die Komposition in ihrer dreiteiligen Anlage an der erhabenen Form des Triptychons, der klassischen Gestalt der christ lichen Altarretabels. Picassos Umformung steht ganz auf der Höhe der Kunst seiner Zeit. Das Triptychon war längst zu einer profanen Bildform geworden und in abstrakter und gegenständlicher Kunst für verschiedene Zwecke nutzbar gemacht. Obwohl klar überschaubar, erscheint »Guernica« so doch als äußerst vielschichtig. Darin liegen Reiz und Größe des Gemäldes, das mehr ist als ein Werk der Agitationskunst. Picasso, der sich seiner kunstgeschichtlichen Bedeutung bereits damals bewußt war, hat seine Vorarbeiten so angelegt, daß man die Entstehung des Bildes genau verfolgen kann. 45 präzis datierte Studien und eine Reihe von Fotografien der unterschiedlichen Zustände dokumentieren diesen Weg. Sie zeugen von einem äußerst konzentrierten Arbeitsprozeß. Vom Arbeitsbeginn am 1. Mai bis zur Fertigstellung am 4. Juni 1937 benötigte Picasso nicht mehr als fünf Wochen. Das ist für ein so monumentales und formal wie inhaltlich komplexes Werk verblüffend wenig. Erklärlich wird es aber durch Picassos typische Arbeitsweise. sein Hantieren mit Kombinationen von Motiven und Formen aus dem eigenen Œuvre und aus dem Fundus der europäischen Kunstgeschichte. In der ersten Fassung vom 11. Mai, die lediglich Umrisse der Motive auf die Leinwand bringt, sind zwar die wesentlichen Figuren schon verteilt, aber noch in anderen Positionen als in der Endfassung. Die Arbeit an den Studien und an der Leinwandausführung von »Guernica« zeigt, wie Picasso die zunächst politisch eindeutig festgelegte Symbolik immer mehr verallgemeinert. Er hatte genau am 1. Mai 1937 mit der Arbeit begonnen und zuerst eine noch vage Idee der Gesamtanlage des Bildes formuliert. Sie enthält, bei aller Flüchtigkeit der Zeichnung, doch schon die wesentlichen Momente: den stehenden Stier links, das Pferd in der Mitte, die Hauswand rechts mit der Figur, die eine Lampe über die Szenerie hält. Nach etlichen Varianten und Detailstudien war die Komposition dann am 9. Mai reif für die Ausführung auf der großen Leinwand. Diese letzte Gesamtstudie zeigt jedoch, daß die erste Fassung auf der Leinwand wiederum die grundlegende Idee weitergetrieben hat und nicht eine bloße Übertragung des Erarbeiteten ist. In der Skizze wendet der Stier den Kopf noch nach rechts, an der Stelle des Pferdes ist ein großes Rad eingefügt; Häuser umstehen einen Platz, der liegende Krieger und der Tote füllen, unklar voneinander abgegrenzt, den Boden, rechts an der Hauswand reckt sich ein einzelner Arm empor. Insgesamt ein übervolles und höchst unklares Bild. Demgegenüber ist die erste Leinwandfassung ruhiger und durch die wenigen deutlich ausformulierten Figurationen motivisch reicher. Es waren aber nicht nur formale Gründe, die zur Änderung der Kompositionsidee auf der Leinwand führten. Auch inhaltlich bedeutete die erste Fassung bereits einen wesentlichen Einschnitt. In der Skizze erkennt man - bei aller groben Stilisierung - noch die reale Szenerie eines Marktplatzes und kann damit die kleine baskische Stadt Guernica verbinden. Auf der Leinwand läßt sich kein Ort mehr ausmachen. Nur noch das brennende Haus deutet auf einen bewohnten Platz hin, aber es steht ganz allgemein als Sinnbild für Behausung und deren gewaltsame Zerstörung. Die fünfte Fassung stellt den Stier durch die Verlagerung seines Körperumrisses auf die linke Seite. Er wird in Aktion und Haltung als Beschützer von Mutter und Kind ausgewiesen. Schwarzweiß- und Grauwerte füllen die Flächen nun konsequenter aus. Die kompositorisch wie inhaltlich störende Figur der herzueilenden Frau mit dem Toten ist aufgegeben. Aber die Gesamtanlage scheint noch immer nicht recht stimmig. Zwar sind Zentrum und Randzonen gegeneinandergesetzt, aber die Gestalt des liegenden Kriegers verunklärt sie links zu einem diffusen Gebilde. Picasso erarbeitete in Zustand sechs und sieben eine formal und inhaltlich überzeugendere Lösung. Er beließ den Kopf des Kriegers an der gegebenen Stelle, drehte ihn aber nach oben und machte aus der Figur im Rückgriff auf sein Stillleben von 1925 eine zerstörte Statue. Zugleich skizzieren kurze Parallelstriche das Fell des Pferdes und dynamisieren damit das Zentrum des Bildes durch eine im Details unruhige Zone. Zum Abschluß der Ausführung überarbeitete Picasso diese sogenannte 7. Fassung in Details, tilgte z.B. noch ganz zum Schluß das anekdotische Motiv der herunterrollenden Träne auf dem Gesicht der herzueilenden Frau rechts. Das am 4. Juni fertigge stellte Werk zeigt eine Komposition von einer in der modernen Kunst einzigartigen Geschlossenheit und Überzeugungskraft. Seine Wirkung beruht nicht nur auf der geschilderten Raffinesse der Anlage und der Komplexität des Inhalts, sondern auch auf der Stilisierung der Figuren, die durch ihren zeichenartigen Schematismus ebenso archaisch wie allgemein verständlich ist.

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
Weitere Informationen Ok