Stefan Sättele, Träger des Wilhelm-Fabry-Förderpreises 2010, zeigt im Hildener Museum seine Ausstellung „Variationen - von Jägern, Mönchen und anderen Männern“. Ein Thema ist die Magersucht.

aus Rheinische Post vom 8. September 2011 von Uli Schmidt

Die jungen Männer-Gesichter, die Stefan Sättele fotografisch porträtiert, haben eines gemeinsam: diesen verschlossenen Zug um den Mund. Das kann nicht verwundern, hat der Künstler für seine Ausstellung „Variationen - von Jägern, Mönchen und anderen Männern“ doch krankhaft hungrige, an Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) Leidende per Kamera porträtiert. „Ich hatte mir diese Arbeit einfacher vorgestellt“, berichtete der 36-jährige freie Fotograf gestern beim Pressetermin von den Problemen, in verschiedenen Kliniken männliche Kranke zu finden, die sich zu den für ihr Geschlecht seltenen Süchten bekennen.

2011-09-saetteleStefan Sättele bei der Einrichtung der Ausstellung, die heute Abend eröffnet wird. Foto: Olaf StaschikSättele war vor seinem Fotostudium als Sozialpädagoge in psychiatrischen Einrichtungen tätig. Wohl deshalb spiegeln seine Aufnahmen ein tiefes Verständnis für die Seelensituation der Kranken. „Ein Freund war auch betroffen. Das war der Auslöser, dieses Thema für meine Abschlussarbeit, die 2008 entstanden ist, zu wählen“, sagt er. Fotos, die extrem dünne Mädchen zeigen, kennt man. Die männlichen Hungerhaken, die Sättele in Alltagssituationen zeigt, wirken verstörend, egal, ob sie sich im Spiegel betrachten, den Bauch fühlen oder mit einem Bissen zu kämpfen scheinen. „Bei Jungs sind Essstörungen seltener, das Krankheitsbild wird lange nicht erkannt. Außerdem ist es bei Männern mit viel Scham belegt“, erklärt der Künstler.

Seine Fotografien lassen jedem Einzelnen sein Gesicht. Sättele weiß mehr als er abbildet, und dies Verständnis macht seine Bilder sehenswert. Im November 2010 wurde er mit dem Wilhelm-Fabry-Förderpreis ausgezeichnet. „Fotografie hat mich immer schon interessiert“, begründet der gebürtige Oberschwabe seinen Berufswechsel. Dass er beim Studium in Bielefeld ausgerechnet auf Roman Bezjak, einen aus Hilden stammenden Professor, treffen würde - Zufall? Die „Variationen“ männlicher Abbilder sind nicht nur auf Krankes beschränkt, die Ausstellung demonstriert auch religiöse Vielfalt in Sarajevo: personifiziert durch die dortigen jüdischen, muslimischen, orthodoxen und katholischen Oberhäupter.

Sehr einfühlsam hat Sättele durch die Linse einen Blick auf den Alltag dreier Klosterbrüder auf der Bodensee-Insel Reichenau geworfen: Der reicht von der sonntäglichen Morgenandacht in der Kapelle bis zum Einkauf im Supermarkt. Daneben gibt es die Waidmänner zu bestaunen, die vor ihren Trophäen posieren. „Das Jagen ist ein gesamtdeutsches Phänomen. Ich wollte einfach mal Jäger kennen lernen“, erzählt Sättele. Jetzt hängen die Bilder selbst als Trophäen eines sehr begabten Fotografen an der Wand, dem die Verwandtschaft von Fotografie und Jagd durchaus bewusst ist.

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